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Ein Schwein für Deutschland

Die Reise nach Westen


Thomas Weyrauch: Ein Schwein für Deutschland Roman Wächtersbach (Verlag der Buchhandlung Dichtung und Wahrheit) 1999, ISBN-Nr.: 3-9805957-0-6 126 Seiten, 4 Tuschezeichnungen von Shan Shan Wei-Blank



Literarisches Vorbild dieser Geschichte ist der populäre chinesische Roman „Xiyouji (Die Reise nach Westen)“. Thomas Weyrauch stellt die vier Hauptakteure in die schwierige Realität der Gegenwart. So kommt es, dass der buddhistische Mönch Chen Xuanzhang, der Wassergeist Sha Wujing, Affenkönig Sun Wukong und das Schwein Zhu Bajie nach Deutschland reisen. Sie wollen hier Weisheiten und neue spirituelle Ansätze finden, die in ihrer Heimat China dringend gebraucht werden. Lediglich einig im Reiseziel Deutschland, verfolgen sie unterschiedliche Interessen, die als typisch für das spätkommunistische China gelten dürfen. So strebt der Mönch das Wiedererstarken der Religion an, während der Affe von der Errichtung eines demokratischen Systems mit Menschenrechten, der Wassergeist von Profit und das Schwein voller Nationalismus von einem starken China träumt, das die übrige Welt erschreckt.

Zhu Bajie

Ein Schwein

für Deutschland: Zhu Bajie

Leseprobe

Leseprobe:


Kerzengerade stehen die Ehrenwachen. Gelbes Scheinwerferlicht fällt auf den Leichnam, der bis zur Brust mit einer roten Fahne bedeckt ist, auf dem gelbe Sterne das gelbe Licht zurückwerfen. Ein großer Stern mit vier kleinen Sternen. Der Raum ist dunkel. Nicht einmal der Atemhauch der Soldaten ist zu hören. Der Vorsitzende Mao ruht in einem Glasarg.

Was hat er uns alles angetan ? Was hat er China angetan ? Unzählige sind auf sein Wort hin abgeschlachtet worden. Verbleibt da nicht ein spöttischer Ausdruck in seinem Gesicht ? Spöttisches Totengesicht. Hatte sein Blick nicht schon so viel Totes, als er noch lebte ? - Der Vorsitzende Mao ! Der Vorsitzende Mao. Ich liebe zwar meinen Vater, ich liebe zwar meine Mutter, aber am meisten liebe ich Herrn Mao Zedong. Kindergartenknirpse sangen im Chor.

Der alte Huang. Wie grausam war er umgebracht worden ? Wie lange hat man ihn gefoltert ? Alles geschah zur Ehre von Mao Zedong. Warum mußte der kleine Tao lebendig begraben werden ? Er war doch erst drei.

Mao Zedong ist der größte Marxist-Leninist aller Zeiten. Warum hat man das Fleisch der erschlagenen Familie Gu den Nachbarn zu essen gegeben ? Die Revolution ist kein Festbankett. Zehntausend Jahre Vorsitzender Mao Zedong.

Der Vorsitzende liegt in seinem Glassarg. Nichts kann seine Totenruhe stören. Da, wer wagt es zu poltern ? Die Soldaten räuspern sich. Das ist doch verboten. Der Lärm kommt näher. Die Soldaten werden nervös. Sie bewegen sich. Das ist verboten. Dreckige Bauern stürmen herein. Dreckige Bauern mit Knüppeln. Dreckige Bauern, ungekämmt, unrasiert. Ein Mob.

"Da liegt das Schildkrötenei." "Weg da, wir schießen." Schüsse fallen, zwei, drei vier. Blutend brechen zwei Bauern vor dem Vorsitzenden zusammen. Doch es kommen immer mehr. Sie schlagen mit Knüppeln auf die Soldaten ein. Es fallen keine Schüsse mehr.

Dutzende von Schlägen zertrümmern die Köpfe der Wächter. "Keine Gewalt ! Keine Gewalt !" Der Shifu schreit, er weint laut auf.

Doch der Mob ist nicht aufzuhalten. Schon prasseln die Knüppel auf den Glasschrein. Panzerglas. Nichts geschieht. - Da: Ein Sprung. Das Glas wird undurchsichtig. Lauter feine Risse. Ein Loch.

Wie besessen dreschen die Bauern auf das Glas ein. Nichts bleibt übrig. Der Vorsitzende liegt da wie von Schnee bedeckt. Schreiend dreschen die Bauern auf ihn ein.

"Keine Gewalt." Niemand hört auf den Shifu.

Mao Zedong zerbricht in Stücke. "Das ist nur eine Puppe, eine Wachspuppe." Die Bauern durchsuchen die übrigen Räume des Mausoleums, brechen Türen auf und zwingen Mitarbeiter des Hauses, ihnen mitzuteilen, wo der echte Leichnam liegt. Ein zweiter Glassarg. - Der echte Mao.

"Keine Gewalt", ruft der Shifu und weint.

Das Glas wird zerdroschen, der Sargboden angehoben. Wie ein in Formalin eingelegter Frosch fällt der leblose Körper des Großen Steuermannes zu Boden. Es spritzt helle Flüssigkeit aus seinem Fleisch. Es riecht. Es riecht nach Lampenöl oder Schnaps. Es riecht.

Nach einer Schrecksekunde schlagen die Bauern auf Mao Zedong ein. Sein Fleisch spritzt, Knochen brechen. Das Gesicht gleicht zerrissenen Tofustücken.

Von vier Seiten reißen die Bauern Hände, Füße, Unterarme, Unterschenkel und einen Oberarm ab, um dann den letzten Tropfen Alkohol aus den Adern zu pressen, indem sie auf dem Körper lachend herumhüpfen.

Draußen werden kommunistische Kader massakriert. Häuser brennen, Busse werden angezündet. Die Wut der Massen entlädt sich gegen alle. Nun werden auch Sun Wukong, Zhu Bajie und Sha Wuqing angegriffen. Mit spitzen Schreien will sie der Shifu warnen. Er schreit ...

"Shifu, was ist los ?" Wukong ergriff seine Hand. "Was für ein schrecklicher Traum. Gut, daß es nur ein Traum war." Der Shifu wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und erzählte seinen Gefährten, was er geträumt hatte.

"Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Die Bauern sind unruhig", bekräftigte Wukong mit ernster Miene. "Der Hass auf die Gongchandang ist groß. Nur eine stetige Demokratisierung kann explosionsartige Gewalttätigkeiten verhindern."